„Steign Sie aus?……oder warum man während der Fahrt nicht mit dem Busfahrer spricht.“ (Teil 1)

„Zug fährt ab!“
Es stellt sich schon fast ein bisschen Nostalgie ein, wenn ich mich zurück erinnere, als die U-Bahn FahrerInnen in Wien noch selbst die Durchsagen am Bahnsteig machen mussten (durften). Es war eine kleine, persönliche Note, die meist sympathisch, aber auch bestimmend und furchteinflößend sein konnte. Das Spektrum der Aussprache ist da ja auch sehr breit gewesen. Von einem verschluckten „Zg..frt..b“ über ein genuscheltes „Suuugfähhrdab“ bis zu einem militärischen „ZUG…FÄHRT…AB!“, wurde jeder Logopäde in der Sinnhaftigkeit seines Berufes bestätigt.

Ich schrub ja schon in einer meiner Kolumnen, dass ich kein Fan von Individualverkehr bin, auch wenn das halt ein notwendiges Übel ist von Zeit zu Zeit. Heute beschäftigen wir uns aber mit öffentlichen und Massentransportmitteln. Das ist ja auch so eine Hassliebe.
Die ersten intensiven Berührungspunkte als Kind vom Land hast du ja im Schulbus. Da herrschen klar definierte Hierarchien. Am Anfang der Nahrungskette stehst du da im Postbus (sagt man das noch so?) als kleiner schmächtiger Streber mit Knight-Rider Schultasche, der artig „Go Morgn“ zum Busfahrer sagt und sich möglichst unbemerkt in eine der ersten Sitzreihen quetscht. Weit weg von den Coolen. Diese nämlich, die Coolen, die sitzen ganz hinten. In der Reihe wo fünf Sitzplätze sind. Ganz in der Mitte, mit wachendem Blick über den gesamten Bus, da sitzt der Chef von den Coolen. Das ist der stärkste und meistens auch der, der gerne mal ein paar Watschen austeilt. Machtdemonstration Hilfsausdruck. Dabei ist das ja richtig gefährlich für den Chef, wenn da der Bus mal eine Vollbremsung hinlegt. Da fliegt er dann als einziger mit Hollodrio nach vorne zu den Strebern und bremst am End mit dem Gesicht auf der Windschutzscheibe. Leben am Limit quasi.
Die wirklichen Chefs in so einem Postbus sind aber die Busfahrer selbst. Die haben damals Heli, Max oder Sepp geheißen und die Regeln definiert. Immer schön laut grüßen und die Sitze nicht als Turngeräte verwenden. Wenn du da aus der Reihe tanzt, dann kann es dir schon passieren, dass du 10km vor deiner eigentlichen Haltestelle aussteigen darfst und beim Heimspazieren über dein Benehmen nachdenkst.
Abseits vom Schulbusbetrieb sind ja diese Verkehrsmittel heutzutage leider eine vom Aussterben bedrohte Art. Als Kinder sind wir noch gerne am Wochenende damit in die „Stadt“ gefahren. Das war ein richtiges Event. Dreizehn Schilling hat das gekostet und die Mama war froh, wenn sie mal einen Nachmittag ihre Ruh gehabt hat. „Kaufts euch hoit koan Blödsinn!“………Jo eh.
Jetzt fährt der Postbus dort gar nicht mehr am Wochenende, die Schüler wissen nicht mehr wohin mit ihren Schillingen, der Busfahrer der heißt Kevin, der war früher einer von den Coolen und grüßen tut der auch nicht mehr.

Ich persönlich fahr ja am liebsten mit der Eisenbahn. (Anmerkung: Ich spreche hier von Österreichischen und Deutschen Bahn-Unternehmen). Das ist auch so ein Event. Allein schon deswegen weil man sich da immer eine Jause einpackt, auch wenn man nur 20 Minuten irgendwo hinfährt. Gemütlich sitzen tust du, eine Zeitung lesen oder am Handy spielen kann man, jederzeit kannst du aufs Klo gehen und die Schaffner sind grantig und/oder haben einen Schmäh, da kann sich jeder Wiener Kaffeehaus Kellner noch eine große Scheibe abschneiden. Oder aber wenn du einfach nicht weißt wohin mit deinen Schillingen, dann hilft dir die Eisenbahn da gerne weiter. Da kann man schon mal einen halben Monatslohn liegen lassen, wenn die Reise von Gramatneusiedl nach Karpfham zum Volksfest gehen soll.
Man muss aber dazusagen, dass sich da einiges getan hat beim Zugfahren. Das fängt ja schon am Häusl an. Da hast du vor gar nicht so vielen Jahren noch beim runterspülen auf die Gleise geschaut und es war verständlicherweise verboten in den Stationen hinein zu brunzen. Mittlerweile ist das alles ein geschlossenes System und du musst aufpassen, dass es dir nicht die Schminke aus dem Gesicht saugt, wenn du die Spülung betätigst. „Nur bei geschlossenem Deckel spülen“, steht nicht umsonst da geschrieben. Vorbildlich sauber sind die Eisenbahn Häusln aber schon. Das muss man hier mal sagen.
Vermissen tu ich ein bisschen diese 6er Abteile auf den Langstrecken. Mit den grindig grauslig karrierten Sitzbezügen, die sich angefühlt haben wie ich mir den Teppichboden beim Mundl Sackbauer vortstelle. Schirch, kratzig, pickert und Nikotin getränkt. Ja leck, gepofelt ist ja da auch noch geworden vor nicht gar so langer Zeit, auf Teufel komm raus.
The place to be (zumindest in netter Geschnellschaft) ist aber für mich der Speisewagen. Da kannst du gemütlich ohne Reservierung sitzen, hast eine meist freundliche Bedienung und bekommst ein Bier um ~€3,60. Wenn man mal ein günstiges Ticket erwischt, da zahlt es sich schon aus, an einem verregneten Samstag, die Strecke Wien-Salzburg-Wien zu fahren. Das kommt dir nämlich billiger als wenn du in Wien in ein Lokal hineingehst. Sparschiene sozusagen.

Die richtigen Massentransportmittel für mich als Wahlwiener seit 15 Jahren, sind aber die Öffentlichen in unserer Bundeshauptstadt. U-Bahn, Bus und Straßenbahn. Letztere nennt man auch Bim, wegen dem Geräusch das die macht, wenn man ungschaut davor über die Straße geht. Wobei das Geräusch ja eigentlich ein „Trrrrrrrlllllllllllllllllpling!“ ist und kein „Bim!“.
Diese Bims die sind schon was faszinierendes. Das hat man schon damals bei der Führerscheinprüfung gelernt. Die Bim, die hat IMMER recht. Da kannst du noch so einen großen Range-Rover fahren. Wenn dir ein Koloss mit 40 Tonnen bewegter Masse beim Abbiegen den Vorrang wegnimmt, dann schaust du blöd aus der Wäsche und wenn du in die Straßenbahnschiene hineinparkst, rasiert dir so eine Bim das Heck weg. Vom Fleck weg.
Innen drin, da sind die Straßenbahnen auch eine großartige Gesellschaftsstudie. Jede Linie hat da sein eigenes Flair. Man kann zwar ganz harmlos unterwegs sein mit den Linien 1, 2, 5, da fahren die Leute halt ein bisschen herum und die Touristen fahren um den Ring. Wobei die Touristen oft gar nicht so harmlos sind, aber das ist eine andere Geschichte. Man kann aber auch in einer Linie 11, 72 oder 6 sitzen. Oh ja, die 6er Bim die ist auch so ein Event.

Wo waren wir nochmal…..ajahhh….die 6er Bim. Die ist schon ein bisschen Ding. Die fährt von Simmering bis zum Urban-Loritz-Platz. Da bist du so in einer eigenen Welt. Abgesehen davon, dass es die einzige Linie ist, die keine „Rush hour“ kennt, weil die zu jeder Betriebszeit zum Bersten vollgestopft ist, kommen die Bezeichnungen „Balkan Express“, „Rauschgift Bahn“ und „Highway to Simmering Hell“ der Realität schon sehr nahe. Engster Körperkontakt zu fremden Menschen, junge Frauen die AUF LAUTSPRECHER die Diagnose ihres Frauenarztes besprechen und Attila, nicht der Hunnenkönig, nein der Dorgendealer, der verzweifelt versucht seine mit €100 Scheinen gefüllte Geldkralle zu ordnen. Ja Herrschaftszeiten, das verdien ich im Jahresgehalt nicht, was der in der Hosentasche hat. Hätt ich doch was gescheites gelernt.

Die Königsklasse ist dann aber die U-Bahn. Einerseits ein Transportmittel, das ich keinesfalls missen möchte in der Bundeshauptstadt, andererseits der Ort an dem ich mir vorstelle, so muss es sein, wenn die Katholiken von der Hölle sprechen.
Beim U-Bahn fahren da gibt es ein paar ungeschriebene Regeln, die man beachten sollte:

1.) Wenn du nicht zwingend darauf angewiesen bist, fahr um Himmels Willen nicht in den Stoßzeiten. Der Körperkontakt den wir schon aus der 6er Bim kennen ist da noch das geringste Übel. U-Bahn Rush Hour ist Krieg, Weltkrieg. Da gibt es kein Gesetz, da herrscht das Recht des stärkeren. Am besten stellst du dich mit dem Rücken zur Wand in eine Ecke und versuchst die Mischung aus übertrieben aufgetragenem Parfum, Schweiß, Alkohohldunst und Flatulenzen gekonnt zu ignorieren. Im Laufe der Zeit entwickelt man eine spezielle Atemtechnik, die an den Geschmacksrezeptoren vorbeiführt.

2.) Vergiss nie, niemals nicht, deine Ohrstöpsel oder Kopfhörer, wenn du nicht unbedingt die Lebenskrisen deiner Mitbürger mitfühlen willst. Da habe ich doch, ob du es glaubst oder nicht, schon mal eine Trennung+Versöhnung, abermalige Trennung+Versöhnung und abschließendem „Verreck du Scheißheisl!“ auf der Strecke Längenfeldgasse-Nussdorferstraße miterlebt. Das sind 17 MINUTEN!!!
Verpassen kannst du halt aber auch die sogenannten Altagspoeten, wenn du nix hörst. Der Wiener an sich ist nämlich ein Meister der kompakten Formulierung. Mein Favorit ist noch immer der adrette Herr mit Vokuhila und Feinripp, der während einer längeren Wartezeit in der Station den Kontext „Lieber Herr Ubahn Fahrer, warum stehen wir schon so lange in der Station? Gibt es ein Problem? Wann werden wir voraussichtlich weiterfahren?“, zusammengefasst hat in die Aussage „HEAST, wos iiiss?“

3.) Wenn jemand zwischen zwei Station hinter dir nervös bestimmt „Steiiiign Sieee auuus?“ in dein Gnack hineinhustet, dann ist das keine Frage. Es bedeutet viel mehr „Geh auf de Seitn du Trottel, I muass bei der nächsten ausse!“

4.) Ein komplett leerer U-Bahn Wagon, während alle Anderen gut gefüllt sind, ist KEINE glückliche Fügung des Schicksals. Es gibt Gründe. Ich möchte allen unerfahrenen Lesern diese Erfahrung aber nicht vorab nehmen. Daher werd ich das hier nicht näher erläutern.

5.) Im Hochsommer steigt man ausschließlich in U-Bahn Garnituren ein, die gelbe Haltestangen haben in den Wagons. Das sind die mit Klimakaltgerät. Graue Stangen bedeuten Höllenfeuer. Merk dir das. Es ist wohl die wichtigste Regel, wenn du nicht nach zwei Stationen miachteln möchtest wie ein Iltis.

Zusätzlich gilt auch hier wieder mal das Karl Valentin Zitat „Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht“.
Soviele Brennnesseln gibts überhaupt gar nicht, mit denen du die Leute verdreschen möchtest, die das Prinzip „Zuerst Aussteigen lassen, dann einsteigen“ bewusst ignorieren, oder diejenigen, die alten gebrechlichen, oder schwangeren Leuten keinen Sitzplatz anbieten.

Alles in allem, ist das mit den Öffentlichen aber schon eine recht leiwandes Ding. Das Autofahren ist ja so gar nicht meins. Das ist aber eine andere Geschichte und ein anderer Blog Eintrag. Mit den Massentransportmitteln sind wir jetzt aber so ganz und gar noch nicht fertig. Weil es mich aber jetzt überhaupst gar nicht mehr freut, mach ich einen Zweiteiler aus diesem Blog und spar mir die Busse, die Schiffe und die Flugzeuge noch ein bisschen auf.

Servus Grüß Euch
Euer Dokter und auch Disko

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